Wie funktioniert Gebärdensprache

Die Deutsche Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik, die sich auf natürliche Weise entwickelt hat. Sie ist aber längst nicht international: Weltweit gibt es über 200 verschiedene Gebärdensprachen und zahlreiche regionale Dialekte. Einblicke in eine Welt, in der die Menschen mit den Händen sprechen - und mit den Augen hören.

Das Fingeralphabet kommt immer dann zum Einsatz, wenn es zum Beispiel für ein Wort noch keine Gebärde gibt oder man Fachbegriffe oder Namen buchstabieren will.

Nur ein Drittel aller Gebärden sind ikonisch

Die Gebärdensprache ist eine visuell-gestische Sprache. Einige Gebärden sind sehr bildhaft, auch "ikonisch" genannt: Um zum Beispiel das Wort "Baby" auszudrücken, wiegt man einen Säugling vor seinem Körper, für "lieb" streicht man sich über die Wange - bei "Oma" greift man sich an einen imaginären Dutt. Aber nur rund ein Drittel aller Gebärden sind tatsächlich ikonisch; zwei Drittel sind für Außenstehende unverständlich.

Gebärdensprache funktioniert dreidimensional

Die Gebärdensprache ist eine hochkomplexe Sprache: Man setzt bei ihr sowohl Hände, Arme, Kopf als auch den ganzen Oberkörper ein. Beim Gebärden kommt es außerdem auf die genaue Stellung und Bewegung der Hände an - und wo am Körper die Gebärde ausgeführt wird. Gebärdensprache funktioniert also dreidimensional. Mit einer einzigen Gebärde kann man viel mehr Informationen ausdrücken, als es in der linearen Lautsprache möglich wäre. "Auch die Mimik ist extrem wichtig", erklärt Bella. "Davon hängt ganz viel ab." Denn vor allem Gefühle werden in der Gebärdensprache mimisch ausgedrückt. Außerdem muss man beim Gebärden stetigen Sichtkontakt halten.

Einige  Gebärden nur anhand des Mundbildes unterscheidbar

Fast jede Gebärde wird auch mit der tonlosen Mundbewegung des gesprochenen Wortes begleitet, dem sogenannten Mundbild. Viele Gebärden gleichen sich nämlich und können nur durch das unterschiedliche Mundbild voneinander unterschieden werden. "Politik, Technik, Vorbereitung - sie alle haben die gleiche Gebärde", sagt Bella und führt die Gebärde vor: Sie bildet mit dem rechten Zeige- und Mittelfinger ein "V" und tippt sich zwei Mal mit einer Drehung auf die ausgestreckte linke Hand. "Diese Gebärde kann man nur anhand des Mundbilds unterscheiden."

Mehr als 200 Gebärdensprachen weltweit

Weltweit gibt es über 200 verschiedene Gebärdensprachen. Sie haben sich auf natürliche Weise entwickelt - wie jede Lautsprache auch. In Deutschland und in Luxemburg benutzt man zum Beispiel DGS, die Deutsche Gebärdensprache. In Frankreich gebärdet man in LSF (Langue des Signes Françaises), in den USA in ASL (American Sign Language). Zusätzlich gibt es auch viele regionale Unterschiede. "In Bayern gebärdet man zum Beispiel 'Schmarrn'", erklärt Bella, "also ein Wort, das man in Norddeutschland gar nicht verwenden würde."

Keine Pantomime, sondern einer vollwertige Sprache

Gebärdensprache ist keine Pantomime. Sie ist auch keine Visualisierung der deutschen Lautsprache. Ganz im Gegenteil. Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und eigenen Regeln. Man kann in Gebärdensprache alles ausdrücken, was man möchte - auch hochkomplexe wissenschaftliche Sachverhalte. So forschen Gehörlose beispielsweise als promovierte Chemiker am Max-Planck-Institut. Obwohl Sprachwissenschaftler schon in den 60er-Jahren festgestellt haben, dass es sich bei der Gebärdensprache um eine vollwertige Sprache handelt, wurde sie in Deutschland erst 2002 offiziell anerkannt.

Nur 30 Prozent sind von den Lippen lesbar

Circa 30 Prozent des Gesprochenen können Gehörlose von den Lippen ablesen. Den Rest müssen sie rätseln, erzählt Bella. Sie findet es schöner, in Gebärdensprache zu kommunizieren.

Der größte Irrglaube von hörenden Menschen besteht darin, dass sie denken, Gehörlose könnten alles von den Lippen ablesen. Das stimmt nicht. Nur etwa 30 Prozent des Gesprochenen können sie tatsächlich "absehen", wie Gehörlose das Lippenlesen nennen. Wörter wie "Butter" und "Mutter" sehen zum Beispiel komplett identisch aus. Wenn man als Hörender mit Gehörlosen kommunizieren möchte, ist es deshalb auch die beste Lösung, sich Zettel und Stift zu schnappen und das, was man sagen möchte, aufzuschreiben. Oder eben schnell ins Handy einzutippen. "Ich wünsche mir von den Hörenden mehr Offenheit", sagt Bella. "Dass sie, wenn ich etwas nicht verstehe, nicht sofort aufgeben und wegrennen, sondern bereit sind, anders zu kommunizieren. Es gibt ja die Möglichkeit, mit Händen und Füßen zu reden - oder man kann eben Zettel und Stift benutzen."

Autorin Lisa Wolf, NDR 2018